Was das Ende des Kükentötens bedeutet

Seit 01. Januar ist das Töten geschlüpfter Eintagsküken verboten. Damit ist Deutschland das erste Land weltweit, welches diese Praxis untersagt. Das klingt ganz wunderbar, denn jährlich werden allein in Deutschland rund 45 Millionen männliche Hühnerküken direkt nach dem Schlupf getötet, weil ihre Aufzucht sich nicht lohnt. Hintergrund ist, dass für die unterschiedlichen Nutzungen - Fleisch und Eier - verschiedene Züchtungen eingesetzt werden. Bislang wurden die männlichen Küken mit CO2 getötet. 75 % wurden dann als Tierfutter genutzt und zum Beispiel an Zoos, Wildparks o.ä. verkauft (Quelle: BR). Durch das Verbot müssen die männlichen Legehühner nun entweder schon als Embryo erkannt werden. Dafür können unterschiedliche Verfahren angewendet werden, die sich in ihrer Zuverlässigkeit, dem Zeitpunkt der möglichen Durchführung und auch dem Preis unterscheiden. Alternativ können die Bruderhähne aufgezogen und geschlachtet werden oder Zweinutzungszüchtungen eingesetzt werden, die sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen, wenn auch in deutlich geringerem Umfang als spezialisierte Lege- oder Fleischlinien.

1) In-Ovo-Selektion

Das Verfahren wird wohl vor allem in der konventionellen Legehennenhaltung und bei EU-Bio eingesetzt werden. Bei den großen Bio-Verbänden Bioland, Demeter und Naturland ist die In-Ovo-Selektion dagegen verboten.

Die marktreifen und bisher am weitesten verbreiteten Lösung überprüfen das Geschlecht im zweiten Trimester, also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Küken bereits Schmerzen empfindet. Alle männlichen Embryonen werden dann entsorgt. Die Zuverlässigkeit liegt bei 83,5%, das heißt, es können auch weibliche Küken versehentlich mit verworfen werden - und um den Verlust dieser Küken auszugleichen, bedarf es mehr Bruteiern und damit auch Elterntieren. Außerdem ist das Verfahren sehr teuer, was voraussichtlich besonders kleine, regionale Brütereien zur Aufgabe zwingen wird.

2) Bruderhahnaufzucht

Initiativen zur Aufzucht von Bruderhähnen, also den männlichen Legeküken, gibt es in der Ökobranche schon lange: 2012 hat sich die Brudertier-Initiative gegründet (damals noch Bruderhahn), die Bruderhähne aufgezogen und geschlachtet. Dabei wurde durch einen höheren Eierpreis die teure Bruderhahnaufzucht ermöglicht werden. Was erschwert die Aufzucht der Bruderhähne? Bruderhähne sind eigentlich ein Beiprodukt der Züchtung besonders leistungsfähiger Legehennen. Bei der Züchtung spielte der Fleischansatz und die Fleischqualität keine Rolle. Meist werden die Bruderhähne 16-22 Wochen gehalten, um auf ein akzeptables Schlachtgewicht zu kommen. Allerdings bringt auch ein 22 Wochen alter Bruderhahn nur bis etwa 1,4 kg Schlachtgewicht auf die Waage, was ein ökologisch gehalten und gefüttertes Masthähnchen bereits nach etwa 10 Wochen wiegt. Durch die längere Haltung können die Tiere zudem in die Geschlechtsreife kommen, weshalb ihnen eigentlich mehr Platz (für Auseinandersetzungen) zur Verfügung gestellt werden müsste. Dazu kommt, dass das Fleisch nicht dem entspricht, was Verbraucher*innen erwarten: Wenig Brustfleisch, längere Fasern, insgesamt dunkler und "kerniger". Ein Bruderhahn kann durchaus sehr schmackhaft zubereitet werden, allerdings erinnert es geschmacklich eher an eine Legehenne als an ein Hähnchen. Allein die Legehennenhalter*innen der Verbände Bioland, Demeter, Naturland und Naturkreis, die die in-ovo-Selektion verboten haben, werden 2,7 Mio. Bruderhähne erzeugen. Dabei wird der Marktabsatz von Suppenhühnern (also Althennen, die ja weiterhin da sein werden) und Bruderhähnen eine große Herausforderung. 

3) Nutzung von Zweinutzungsrassen oder -linien

Ziel der Nutzung von Zweinutzungsrassen ist es, sowohl eine für landwirtschaftliche Betriebe nutzbare Legehenne als auch ein Masthähnchen zu haben. Denn viele alte Rassen wurden sowohl zum Eier legen als auch für Fleisch genutzt. Die Herausforderung hier: Hühner zu finden, die ausreichend Leistung erbringen. Das ist wichtig, weil bei zu geringen Leistungen, aber gleichbleibenden, bzw. sogar steigenden Kosten* die Produkte nicht mehr verkauft werden könnten - weil die Zahlungsbereitschaft von Handel, Gastronomie und EndverbraucherInnen begrenzt ist. Momentan sind mit der Ökologischen Tierzucht, aber auch mit dem Projekt RegioHuhn Wissenschaft und Praxis auf der Suche nach guten Alternativen.

 

Was machen wir auf dem Kastanienhof?

 

Das ist eine gute Frage. Das Thema treibt uns bereits seit Jahren um. 2016 haben wir auf unserem Hoffest, über den Verteiler im nahegelegenen Bioladen und unser Lädchen das Projekt "Mein Hühnerhof" gestartet. Gemeinsam mit EndverbraucherInnen wollten wir Bruderhähne aufziehen: Weil uns bewusst war, dass der Absatz der Bruderhähne das "Nadelöhr" war, haben wir ein Komplettpaket angeboten: Fünf Eier pro Woche im Abo für die Legeperiode von 16 Monaten, dazu das Suppenhuhn und den Bruderhahn. So, als hätten Sie Ihren ganz eigenen Hühnerhof. Das Feedback war durchweg positiv, allerdings wollten nur wenige Menschen das Komplettpaket oder einen Bruderhahn erwerben. Bruderhähne bäuerlich aufzuziehen, mit hochwertigem Biofutter zu füttern und dann nicht verkaufen zu können, das konnten wir nicht leisten, weshalb wir das Projekt vorerst aufgegeben haben. 

Leider sieht es derzeit so aus, als müssten wir alle Bruderhähne gemeinsam mit den Legehennen abnehmen und dann aufziehen. Das bedeutet, dass wir, wenn wir Junghennen für unseren größeren Stall bekommen, auch 2400 Bruderhähne mit aufnehmen müssten, die dann gleichzeitig schlachtreif sind und von uns vermarktet werden müssen. Das ist nicht leistbar: Wir mästen derzeit 200 Weidehähnchen pro Monat im Mobilstall (100 pro Gruppe) und haben weder die räumlichen Kapazitäten für größere Gruppengrößen, noch ausreichend Kund*innen. Die bäuerliche Bruderhahnaufzucht kann nur in Zusammenarbeit mit anderen Betrieben gewährleisten werden und uns zum Beispiel Gruppen von 100 Tieren ermöglichen würde. Die Alternative wäre die Aufstellung von Zweinutzungstieren. Allerdings gibt es bisher nur wenige Daten darüber, wie das Verhalten der Tiere in größeren Gruppen ist, da sie bisher überwiegend in kleineren Ställen gehalten wurden. Wir haben noch ein bisschen Bedenkzeit, da wir erst vor kurzem Hühner aufgestallt haben und zudem schon lange auf eine verlängerte Legeperiode setzen: Statt wie so oft üblich nach 12 Monaten bleiben die Hennen bei uns mindestens 16 Monate. Durch den Einsatz der Mauser wollen wir diesen Zeitraum bei hoher Tiergesundheit noch weiter verlängern. Würden alle Betriebe in Deutschland auf eine verlängerte Haltungsdauer setzen, gäbe es pro Jahr etwa 10 Mio. Bruderküken weniger.

Das Thema treibt uns um und wir müssen bald eine Entscheidung treffen. Dabei möchten wir Euch gerne an unseren Gedanken und unserem Weg teilhaben lassen. Schaut gerne regelmäßig auf unserer Homepage, bei Facebook oder Instagram vorbei, besucht unsere Feste oder Veranstaltungen und kontaktiert uns bei Fragen oder Anmerkungen. Wir freuen uns immer über den Austausch!

 

Familie Hüppe

 

 

*Ebenfalls mit dem 01.01.2022 wurde die 100 % Öko-Fütterung verpflichtend eingeführt. Schweine- und Legehennenhalter*innen waren bisher davon ausgenommen, auch, wenn wir auf dem Kastanienhof seit Beginn der Tierhaltung 100 % Öko-Futter eingesetzt haben. Die Verpflichtung führt aber zu einer Verknappung wichtiger Eiweißfuttermittel und damit zu einer Verteuerung. Gleichfalls verteuert sind beispielsweise Verpackungen und Energie.